Mount Inspire - Insights

In der Nacht der Sonne entgegen

Woher rührt sie, die Faszination für den Sonnenaufgang in der Einsamkeit der Berge? Ist es Narzissmus, der uns bergwärts treibt und die Macht schöner Bilder? Oder ist es die Magie des Augenblicks, dieser kurze Moment in dem der neue Tag die Dunkelheit vertreibt? Ein Überbleibsel der Romantik in unseren Köpfen – Licht, welches die Dunkelheit vertreibt. Für diesen Artikel habe ich mein Verhalten kritisch hinterfragt und analysiert und möchte meine Erkenntnisse mit Ihnen teilen.

Naturliebe und Wildhass

Als Gesellschaft gibt es mittlerweile einen breiten Konsens über die Liebe für und die Bewegung in der Natur. Alleine der Blick auf Instagram und andere soziale Medien verstärkt diesen Eindruck, dass wir als Gesellschaft der Natur positiv gegenüberstehen. Und doch treten wir mit unserem Verhalten in Konkurrenz und konkurrieren: Wir wissen, dass Autofahren schlecht ist und doch brettern wir mit dem Auto für ein Wochenende über den Brenner. Wir sind uns bewusst, dass Wildcampen schlecht ist und doch finden Förster die Hinterlassenschaften von Wildcampern in Naturschutzgebieten. Wir kennen die Ruhezeiten von Wildvögeln und doch fahren wir mit unseren Freeride Skiern in eben jene Wildzonen hinein zur Befriedigung unserer Bedürfnisse.

Nicht umsonst schreibt der Alpenverein, dass „Bergsport nach wie vor Motorsport ist“. Als Bergsteiger sind wir in Sachen Umweltschutz Teil des Problems und nicht der Lösung. Wenn wir in der Dunkelheit zu einem einsamen Gipfel wandern, um den Sonnenaufgang zu beobachten, so nehmen wir in Kauf, Wild aufzuscheuchen und unnötigem Stress auszusetzen.

Bergeinsamkeit im Sonnenaufgang

Es gibt sie noch – die Stille und Einsamkeit in den Bergen. Einsame Gipfel, endlose Tiefschneeabfahrten ohne eine einzige Spur und verlassene Steige, auf denen man keinen Wanderer antrifft. Aus meiner Zeit am Arlberg kenne ich das Bedürfnis, diese Einsamkeit zu spüren. Untertags ist man oftmals beruflich eingespannt und hat keine Zeit. Wenn man aber frühmorgens schon am Gipfel eines Berges gestanden hat, wie viel besser läuft dann der ganze Tag? Und so suchen wir vielleicht nicht die Einsamkeit der Berge, sondern deren Verbundenheit. Eine Verbundenheit, die in der Abwesenheit anderer Menschen gespürt und gefühlt wird. 

Die Macht des Augenblicks

Haben Sie schon einmal einen Sonnenaufgang beobachtet? Dieser kürzeste aller Augenblick, da der erste Sonnenstrahl die Berge in ein warmes Licht taucht und die Dunkelheit weicht. Es ist ein Erlebnis, dessen Magie sich nur Wenige entziehen können. Die Dunkelheit macht Platz für das Licht, mit dem Licht beginnt der Tag. So stehen wir auf dem Gipfel im wahrsten Sinne des Wortes vor „Tagesanbruch“. Unser Geist ist fokussiert und blickt erwartungsvoll nach Osten, um ja nichts zu verpassen. Unsere gesamte Existenz dreht sich um wenige Millisekunden, eine Winzigkeit, die nur wir wahrnehmen. 

In Zeiten der Digitalisierung und der Geisteshaltung „on demand“ ist das schon eine Besonderheit. Wir können nicht sofort auf etwas zugreifen, wir müssen darauf warten und haben doch schon viel investiert. So sind wir früh aufgestanden, haben uns in der Dunkelheit den Weg nach oben gebahnt. Ohne Garantie, dass nicht eine Wolke, den Sonnenaufgang stört oder verhüllt. Wenn dann trotz all dieser Risiken und Hindernisse die Sonne uns mit einem wunderschönen Morgenrot beschenkt, weiß man, dass der Tag nur gut werden kann.

Sich hinterfragen

Eventuell ist diese Erkenntnis für Sie trivial: Es lohnt sich, sein Verhalten bewusst zu hinterfragen. Aus welchen Gründen verhalte ich mich, wie ich es nun einmal tue? Wenn man mit der Antwort zufrieden ist, good work! Dann sind Sie auf dem richtigen Weg. Wenn Sie jedoch das Gefühl haben, Sie befriedigen mit dem eigenen Verhalten nicht sich selbst, sondern wollen den Erwartungen anderer entsprechen, sollten Sie Ihren Kurs überdenken. Wenn ich an das Titelbild zurückdenke, so würde ich das Bild heute nicht mehr auf die gleiche Weise herstellen. Heute würde ich eine Alpenvereinshütte aufsuchen, in aller Frühe zu meiner Tour aufbrechen und den Sonnenaufgang auf dem Weg zu meinem Ziel beobachten. Und trotzdem erinnere ich mich gerne an diesen speziellen Sonnenaufgang und viele weitere mehr zurück, ohne schlechtes Gewissen. Kritisches Hinterfragen zum Trotz. Besondere Augenblicke verdienen besondere Aufmerksamkeit und das auch noch nach Jahren.

Meine Tipps für einen Sonnenaufgang in den Bergen

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber scheinbar doch eine unlösbare Aufgabe. Der Verzicht aufs Wilde Campen zum Schutz von Wild und Natur. Grauzone ist das geplante Biwak: Doch auch hier gilt, dass Wild dadurch gestört wird, weshalb man am Besten aufs Biwakieren zu Gunsten einer Übernachtung in Schutzhütten verzichten sollte. 

Am Besten eignen sich Gipfel, die in der Nähe zu Hütten und Almen liegen. Wildtiere haben sich angepasst und meiden die Bereiche um die Hütten. Wenn man vom Tal aus startet, sollte man einsame Pfade meiden und auf breiten Forstwegen nach oben gehen.

Auch wenn Sterne und Mond für ausreichend Beleuchtung sorgen – trotzdem sollte man die Stirnlampe einschalten. Wildtiere erkennen die Lampen und können die sich nähernde „Bedrohung“ so besser einschätzen. Sie würden es doch auch sicher bevorzugen, wenn jemand anklopft, bevor er in ihr Schlafzimmer geht.